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Marcel Broodthaers

Apropos Buster Keaton. In einem der gezeigten Filme sieht man Marcel Broodthaers, der versucht, mit Tinte einen Text zu schreiben. Dann fängt es an zu regnen, der Text beginnt zu verschwinden, doch der Künstler schreibt unverdrossen weiter.

Susanne Pfeffer: “Was natürlich auch wie ein künstlerischer Akt in sich ist: dass natürlich das Scheitern im Kreativsein, im Künstlersein immer inbegriffen ist”.

Wer sich von diesem Film nicht augenblicklich getroffen fühlt, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen. Und der wird diese grandios rätselhafte Ausstellung im Kasseler Fridericianum vermutlich mit einem Achselzucken quittieren.

MARCEL BROODTHAERS
Die verborgene Kluft zwischen Kunst und Bedeutung

Von Rudolph Schmitz

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Blick auf das Kunstwerk
Das Kunstwerk “Regal (Das D ist größer als das T)” des belgischen Künstlers Marcel Broodthaers (1924-1976) in der umfassenden Retrospekive im Fridericianum in Kassel (picture-alliance / dpa / Uwe Zucchi)

Er war ein Künstlerpoet. Mit skurillen Objekten und Aktivitäten breitete der Belgier Marcel Broodthaers seinen Gedankenkosmos aus. Zum 60. Geburtstag der documenta sind jetzt alle Schaffensphasen seines bezaubernden Werks zu bestaunen – in einer Retrospektive im Kasseler Fridericianum.

Das Bezaubernde an Marcel Broodthaers ist sein Humor, den er in Buster-Keaton-ähnlicher Ungerührtheit zum Besten gibt. Wenn er zum Beispiel eine Katze zur Frage des zeitgenössischen Bildes interviewt. Für Susanne Pfeffer, Kuratorin der Broodhtaers-Retrospektive im Fridericianum, ein Paradebeispiel für das Dilemma von Kommunikation:

“Und man wird in dem Moment gewahr, inwieweit Kommunikation und was man versteht, und was darauf geantwortet wird, dass das immer verschiedene Sprach- und Bezugssysteme sind. Und natürlich antwortet die Katze auf diese Fragen. Nur verstehen wir es vielleicht nicht”.

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Geheimtipp der Kunstszene

Marcel Broodthaers, der sich 1963 vom erfolglosen Schriftsteller zum bildenden Künstler wandelte und bis zu seinem frühen Tod 1976 ein ebenso verrücktes wie liebenswertes Werk hervorbrachte, war lange Zeit ein Geheimtipp der Kunstszene. Weil er in scheinbar affirmativer Weise Fundamentalkritik übte. Und das ist natürlich das Lieblingsphänomen der Kunstwelt: Jemand, der fortwährend verkäufliche Dinge produziert – Gemälde , Objekte, Zeichnungen, Installationen, Filme – und gleichzeitig den Betrieb in Grund und Boden kritisiert.

Susanne Pfeffer: “Man muss bedenken, Marcel Broodthaers hat sich erst spät, im Alter von 40 Jahren, entschieden, Künstler zu werden. Und er fängt dann an, in die Kunstwelt zu gehen und betrachtet das dann auch sehr von außen. Sehr abstrakt. Und nimmt dann auch alle Rollen ein: Er ist Kunstkritiker, er ist Museumsdirektor, er ist bildender Künstler”.

Das Werk von Marcel Broodthaers ist skurril, hat Panoptikumscharakter und wirkt insgesamt wie ein großes Bildrätsel. Das immer noch nicht so ganz gelöst zu sein scheint. Was den großen Reiz ausmacht und weshalb man diese Dinge nicht nur immer wieder gern sieht, sondern auch immer wieder neu. Zum Beispiel den großen Wintergarten mit den Dattelpalmen im Topf, den naturkundlich-ethnologischen Darstellungen an der Wand und der Filmleinwand, auf der Marcel Broodthaers mit einem Kamel durch eben dieselbe Ausstellung geht.

Direktor seines eigenen Museums

Wintergarten, Dattelpalme, Exotismus – das sind die Merkmale des kolonialistischen 19. Jahrhunderts, in dem auch die Institution des Museums zu voller Blüte gelangt. 1968 zog Marcel Broodthaers in seiner Brüsseler Privatwohnung sein eigenes Museum auf: Das Museum der modernen Kunst, Abteilung Adler. Zunächst bestand es nur aus hölzernen Kunsttransportkisten und einigen Postkarten. Später hat er es dann immer weiter ausgebaut, bis es schließlich nach vielen Stationen 1972 auf der documenta gezeigt wurde. In diesem Museum sind zum Beispiel Adlerdarstellungen aus allen Bereichen zu sehen: Fotografien von archäologischen Fundstücken neben Adlerdarstellung aus Werbung, Politik und Film. Stets versehen mit dem schriftlichen Zusatz: “Dies ist kein Kunstwerk”.

Susanne Pfeffer: “Ein Museum ist natürlich immer auch eine Institution, die Ordnung schafft. Oder auch Ordnungen hervorhebt. Die bestimmte Sachen zeigt oder nicht zeigt und bestimmte Wertigkeiten definiert. Er setzt eigentlich diese Wertigkeiten außer Kraft, indem er antike Adlerskulpturen neben zeitgenössische Werbung setzt”.

Unbeschreiblicher Gedankenkosmos

Es ist unmöglich, den Gedankenkosmos von Marcel Broodthaers, wie er sich in dieser großartigen und aufwändigen Ausstellung im Kasseler Fridericianum ausbreitet, auch nur annähernd zu beschreiben. Angesichts der Schautafeln, Holzvitrinen, Schilder, Muschel- und Eierobjekte meint man eine Volksschulklasse der frühen 1960er-Jahre zu betreten, mit leicht muffigem Geruch. Und zugleich wirkt das alles wie ein verheißungsvolles Erbe, weil sich das System der Bedeutungen und der Kunstbetrieb seither überhaupt nicht verändert haben.

Apropos Buster Keaton. In einem der gezeigten Filme sieht man Marcel Broodthaers, der versucht, mit Tinte einen Text zu schreiben. Dann fängt es an zu regnen, der Text beginnt zu verschwinden, doch der Künstler schreibt unverdrossen weiter.

Susanne Pfeffer: “Was natürlich auch wie ein künstlerischer Akt in sich ist: dass natürlich das Scheitern im Kreativsein, im Künstlersein immer inbegriffen ist”.

Wer sich von diesem Film nicht augenblicklich getroffen fühlt, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen. Und der wird diese grandios rätselhafte Ausstellung im Kasseler Fridericianum vermutlich mit einem Achselzucken quittieren.

Conceptual Anarchy – Pierre Huyghe

Pierre Huyghe has long loved “Locus Solus,” Raymond Roussel’s 1914 novel about an inventor who invites friends to a secluded estate to show off his creations, one of which is a tank filled with cadavers that re-enact the most important moments of their former lives, animated by a miraculous substance called resurrectine.

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When more than two decades of Mr. Huyghe’s art heads west for his highly anticipated American retrospective, opening Nov. 23 at the Los Angeles County Museum of Art, it’s not clear which of his works-in-progress will be fully incubated, in part because of their sheer experimental complexity.

There is, for example, his butterfly project, a collaboration with a Rockefeller University scientist to engineer living examples of the fictional butterflies (one with checkerboard wings) that Vladimir Nabokov, an obsessive lepidopterist, sketched for his wife, Vera.

A new piece is involving a pill camera, a swallowable video capsule used by doctors to inspect digestive tracts; Mr. Huyghe is harnessing one for more ethereal ends, as illustrated by pictures on the wall showing the grottolike contours of a human interior, topped by the craggy head of Willem Dafoe. “Maybe, I will ask him to be a part of it, to swallow one,” Mr. Huyghe explained.

As the above might suggest, Mr. Huyghe’s art — which takes the form of film, performance, sculpture, puppetry, menagerie and biology lab — fits into the tidy mold of a museum retrospective about as comfortably as a monkey fits into a dress.

He emerged in the 1990s as part of a wave of second-generation Conceptualists who came to be grouped together in a movement called relational aesthetics, an approach to art making that emphasizes participation, social interaction and chance. His work, which seeks a high degree of control over the viewer’s experience, was always an odd fit in the movement. It drew just as heavily, and dauntingly, on postmodern philosophy, but it waded deep into pop culture and could be — especially for art with late Marxist leanings — beautifully poetic and even quite a bit of fun.

Conceptualists in the 1960s tried to liberate art making from Romantic notions by turning to rigid plans and systems. “The idea becomes a machine that makes the art,” as Sol LeWitt memorably put it. Mr. Huyghe can also seem to be running things through machines to see what comes out. But his machines are highly complex and unstable ones: movies, music, novels (besides Roussel, he loves Poe and Borges) and, lately — nudging him into Dr. Moreau territory — biological phenomena.

Mr. Huyghe has long played anarchically with the idea of roles — in the movies, in society, in the art world, and in nature — and when he was approached a few years ago about being the subject of a retrospective, he wasn’t sure it was a role he had any interest in playing.

“When I do something, I’m always happy to put it into friction with other minds,” he said during one of two long mornings of interviews in his office-studio. “But if you domesticate that friction — if you say, ‘I’m going to give you this thing to read, you will need to understand this history, this thing will happen at precisely this time every day’ — then you don’t have real friction anymore.” Too many contemporary-art retrospectives, he said, have begun to feel “like ‘Groundhog Day’ with Bill Murray.”

What began to interest him, was the idea of making an exhibition that felt like some kind of foreign body lodged in a museum, as if by accident. “Art objects are hysteric objects,” he said. “They need the gaze. I wanted to try to make a place where things somehow seemed indifferent to you.”

Besides dispensing with labels and chronological organization, one way he went about this was using living flora and fauna, borrowing from work he had done in 2012 for the sprawling Documenta 13 exhibition in Kassel, Germany. He turned a park’s compost yard there into a kind of feral art garden. Poisonous and psychotropic plants were growing; a reclining nude sculpture sported a beehive for a head, swarmed with bees; a white Ibizan hound, one of its forelegs dyed surreally hot-pink with food coloring, wandered the grounds, tended by its owner, who served as a kind of gardener.

The dog’s painted leg, he said, “breaks the form of ‘dog,’ makes you look at it as something else.” The color was chosen for more personal reasons:
“It makes me think of the Sex Pistols. It’s very punk, that color.”